Klug ausbalanciertes Wechselspiel aus Ernsthaftigkeit und federleichten Momenten: Kinderstück „Wenn ich … wie ich!!!“ am Theatrium – LVZ-Artikel vom 10.07.2012:
Kaum auf der Welt, beginnt das Leben auf der Überholspur. Alles muss reibungslos klappen: Laufen, Sprechen, Schwimmen, Primus sein, Fremdsprachenexperte sowieso, musisch interessiert – ohne Frage. Pubertät? Die Kleinen sollen sich nicht so anstellen! Funktionieren lautet die Devise. Genau dieses Problem brachten junge Schauspieltalente zwischen neun und zwölf Jahren unter der Leitung von Sandra von Holn im Leipziger Theatrium am Wochenende bei der Premiere von „Wenn ich … wie ich!!!“ auf die Bühne. Ein Stück, das nachdenklich macht, aber auch viele heitere Lichtmomente bereit hält.
Es ist stockfinster im Raum. Dann, plötzlich, stehen dort Kinder im Scheinwerferlicht. Ihre Beine und Arme hängen an Marionettenfäden, ihr Wesen ist ferngesteuert, eine freie Bewegung unmöglich. Dazu dramatische, eindringliche Piano-Klänge. Die Stimmung ist beklemmend. Der Zuschauer steckt mittendrin in der Thematik und tritt mit weiteren kurzen, lebendigen Szenen in den Alltag der jungen Menschen ein. Hier streiten Eltern, trinken zu viel Alkohol, arbeiten rund um die Uhr und überfordern ihren Nachwuchs. In dieser Welt sind Schwächen nicht erlaubt, wer anders ist, wird zum Außenseiter. Doch fernab dieser Ängste und Fesseln haben die Kinder Wünsche und Träume. Welch Glück, dass eine gute Fee ihnen mit Rat und Tat zur Seite steht. Und diese Fee – gespielt von Melanie Petrack – ist einfach nur hinreißend. Mit großen Kulleraugen und einem zuckersüßen Lächeln gewinnt sie schnell die Herzen der Zuschauer. Auch das weiße Tüllkleid und die blumenbestickten Puschen sind reizend anzusehen. Leicht tollpatschig schiebt sie einen Einkaufswagen durch die Gegend, der allerlei Wunscherfüllungsutensilien birgt. An diesem Tag ist das Zauberwesen die Lehrerin der Kinder. Mathe, Deutsch, Kunst erklärt sie noch mehr oder weniger souverän, das Fach Sexualkunde stellt jedoch eine größere Herausforderung dar. „Also, wenn Mama und Papa sich ganz doll lieb haben“, startet sie einen Erklärungsversuch, bricht diesen jedoch schnell wieder ab. Während des Unterrichts verraten die Schüler der Fee, was sie gerne sein würden – Sekunden später schlüpfen sie genau in diese Rollen: Model, Pferdesportlerin, Schäferin, Fußballerin und Zirkusdirektorin.
Blitzlichtgewitter, Fanjubel, Dressur von Löwen und Tigern – die Akteure bringen ein buntes Spektakel auf die Bühne. „Die szenischen Ideen kamen komplett von den Kindern“, sagt Projektleiterin Sandra von Holn, die rund vier Monate intensiv mit ihnen geübt hat. Renate Garbotz, Pauline Großmann, Nadine Harnisch, Maria-Elaine Herzberg, Janna Jonak, Friederike Probst, Emilia Roch, Josefine Schöpe, Daniele Szameit und Justin Bertram spielen mit Herzblut, sie zeigen sich ernsthaft, doch auch unbefangen. Sie begeistern. Und schließlich gelingt es ihnen, sich aus den Marionettenfäden zu befreien.
Am Ende bleibt das Spiel mit den Luftballons. Federleicht fliegen sie im Saal umher. Ein Bild für jene Freiheit, jene Selbstbestimmung, die schwer erreichbar scheint und doch möglich ist. Sehnsüchtig blicken die Kinder ihnen nach. Stille, dann tosender Applaus.
Anica Ebeling
Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 10.07.2012
Nächste Vorstellung an diesem Samstag [14.07.2012], 16 Uhr, Kartentelefon 0341 9413640.
Weitere Infos auch unter: www.theatrium-leipzig.de