Fahrzeit verdoppelt sich – LVZ online vom 27.04.2011:
Grünau wird ab Freitagabend vom Leipziger S-Bahn-Netz abgeschnitten ? dann rollt zum vorerst letzten Mal ein Zug der Linie S 1 zwischen dem Hauptbahnhof und dem Wohngebiet im Westen der Stadt. Mit neuen Buslinien, mehr Fahrzeugen und kürzeren Taktzeiten wollen die Leipziger Verkehrsbetriebe (LVB) nun die von täglich rund 4000 Fahrgästen genutzte Linie ersetzen. Ein Großteil der Fahrgäste muss künftig allerdings deutlich mehr Zeit einplanen.
Statt wie von vielen Bürgern gefordert, eine Erweiterung der Straßenbahnlinien in Grünau durchzuführen, setzen die LVB auf ein anderes Konzept. Kernstück der Pläne, die am Mittwoch vorgestellt wurden, ist eine umfangreiche Erweiterung der Buslinie 80. Diese führte bislang von Thekla über Gohlis und Möckern nach Lindenau. Nun wird sie bis zum S-Bahnhof Plagwitz verlängert. ?Gleichzeitig wird eine neue Linie 80E eingerichtet, die auf der Plautstraße den normalen Verlauf der Linie 80 verlässt und über die Lyoner Straße auf kürzestem Weg Richtung Grünau führt?, erklärte LVB-Geschäftsbereichsleiter Holger Flache. Dadurch werde die Abfahrtszeit der Busse auf einen 10-Minuten-Takt verkürzt. Die S-Bahn war zuvor zweimal pro Stunde abgefahren.
?Die S 1 kan durch all das nicht ersetzt werden?, kritisierte Antje Kowski vom Quartiersmanagement Grünau gegenüber LVZ-Online. ?Sie war durch ihre Linien- und Streckenführung ideal, um beispielsweise das Arbeitsamt in Möckern zu erreichen.? Die Alternativangebote würden aber immerhin dabei helfen, die Einschnitte abzufedern. ?Ohne das wäre es schon deutlich dramatischer?, so Kowski. Dennoch herrsche im Stadtteil große Wut darüber, dass die zahlreichen Protestaktionen kein Gehör fanden.
Der Zweckverband Nahverkehr Leipzig (ZVNL) hatte bereits im Februar entschieden, die Linie vorübergehend einzustellen. Ausschlaggebend dafür waren gekürzte Gelder in Millionenhöhe vom Freistaat. Ab Dezember 2013 ? mit der geplanten Eröffnung des City-Tunnels ? soll die S 1 den bisherigen Plänen zufolge wieder von Grünau über Leutzsch und Möckern ins Stadtzentrum rollen. Bis dahin bekommen die LVB vom Zweckverband rund drei Millionen Euro, um Ersatzangebote bereitzustellen ? dafür werden nun sieben neue Niederflur-Stadtbusse angeschafft und mehrere neue Fahrer eingestellt.
Bürgerinitiative stößt bei Landesregierung auf taube Ohren
Eine Bürgerinitiative hatte in den letzten Monaten rund 12.000 Unterschriften zur Erhaltung der S 1 gesammelt ? ohne Erfolg. „Bei vielen entsteht der Eindruck, dass ‚die da oben‘ sowieso machen, was sie wollen“, beschrieb ein Sprecher der Initiative, Klaus Wagner, das Empfinden in der Bevölkerung. „Natürlich sind wir nicht weltfremd und wissen, dass die zehn Millionen Euro Kürzung im Nahverkehr auch irgendwo eingespart werden müssen.“ Trotzdem sei er traurig, dass die 12.000 Unterschriften die Landesregierung nicht davon überzeugt haben, die vorübergehende Stilllegung der S 1 – wie bei der Döllnitzbahn – zu überdenken.
Besonders enttäuscht zeigte sich Wagner von Sachsens Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP). „Er hat nicht einmal auf unser Schreiben reagiert, geschweige denn sich den Anwohnern zu einem Gespräch gestellt.“ Leid tue ihm dabei auch, dass in der Öffentlichkeit vor allem die Stadtverwaltung und der Zweckverband als Schuldige dastehen. „Die hängen da ein bisschen zwischen Baum und Borke“, meinte Wagner.
Das nun vorgestellte Konzept der LVB stimme die Bürgernitiative zwar nicht zufrieden. „Es ist aber besser als nichts“, so Wagner. Von den Einschränkungen seien vor allem körperlich Beeinträchtigte betroffen. „Manche erwägen nun sogar, aus Grünau wegzuziehen“, bedaurte der Sprecher der Initiative.
Die Hoffnung wollen sie allerdings nicht aufgeben. „Obwohl viele Bürger skeptisch sind, glauben wir fest daran, dass Grünau mit der Citytunneleröffnung im Dezember 2013 wieder ans S-Bahn-Netz angeschlossen wird.“ Bis dahin werde die Bürgerinitiative ein Auge auf den Zustand der Strecke haben. „Wir werden sie nicht selbst in Stand halten, aber sollten wir Vandalismusschäden beobachten, werden wir das unseren Ansprechpartnern melden“, so Wagner abschließend.
30 statt 15 Minuten von Grünau nach Möckern
An einer Fahrzeitverlängerung kommen die Passagiere künftig jedoch nicht vorbei. Statt zuvor 15 Minuten mit der S-Bahn von Grünau nach Möckern muss ab Samstag die doppelte Zeit eingeplant werden. Richtung Hauptbahnhof bleibt die Fahrtdauer ungefähr gleich, die Kunden müssen hier jedoch auf die Straßenbahn umsteigen. ?Die Hauptaufgabe der S 1 lag darin, von Grünau in die nördlichen und nordwestlichen Stadtteile zu fahren, nicht in Richtung Stadtzentrum. Deshalb wird es hier auch keine Zusatzangebote geben?, erläuterte Flache. Lediglich zur Bewältigung des Schülerverkehrs werde es in Stoßzeiten eine Verstärkung der Linie 15 zwischen Angerbrücke und Miltitz geben.
Innerhalb Grünaus setzen die LVB künftig auf ihren Stadtteilbus ?Grünolino?, der ab Samstag Zuwachs bekommt. Statt einmal pro Stunde verbindet dieser dann im Halbstundentakt die Wohngebiete mit wichtigen Einrichtungen wie dem Allee-Center. ?Damit soll die erwartete zusätzliche Nachfrage nach Kurzfahrten bewältigt werden?, erklärte LVB-Vertriebschef Ulf Middelberg. Die Ausweitung sei ? wie das gesamte Projekt ? allerdings befristet. Eine Weiterführung über den Dezember 2013 hinaus schloss Middelberg aus. ?Wir gehen mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit davon aus, dass das Ersatzangebot nicht mehr darstellbar ist, wenn die S-Bahn wieder in Betrieb geht.?
Wichtig sei vor allem, einen nahtlosen Übergang durch den Wegfall der S 1 zu schaffen, betonte der Sprecher der LVB-Geschäftsführung. ?Es darf nicht passieren, dass unsere Fahrgäste unter der vorübergehenden Einstellung leiden. Überfüllte Fahrzeuge wollen wir möglichst vermeiden.?
Quelle: LVZ online vom 27.04.2011
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