„Grenzgänger zwischen Theorie und Praxis“

Angehende Fachkräfte absolvieren an der Berufsakademie Sachsen Studium und betriebliche Ausbildung gleichzeitig – Artikel der Leipziger Volkszeitung vom 22./23.10.2011:

Leipzig. Wer vom Studium direkt in den Job einsteigt, hat es häufig schwer. Die Unternehmen konfrontieren Berufsanfänger nicht selten mit Anforderungen, von denen an der Uni keine Rede war – und müssen Zeit und Geld investieren, um den Einsteigern nötige Kenntnisse zu vermitteln. Solche Startschwierigkeiten weitgehend zu verhindern ist das Ziel dualer Studiengänge, zum Beispiel an der Berufsakademie Sachsen Claudia Schmidel und Christian Krause könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Während die zurückhaltende 24-jährige Controllerin mit ihrer eleganten Kleidung offenbar viel Wert auf ihr Äußeres legt, folgt der forsch auftretende, gleichaltrige Informatiker augenscheinlich keiner Mode, wirkt mit komplett schwarzer Kleidung und Vollbart wie der typische Computerfreak. Und doch haben die zwei mehrere Gemeinsamkeiten. Beide studierten zunächst an einer regulären Universität, waren mit der dortigen Situation unzufrieden und entschieden sich 2009 für ein duales Studium an der Staatlichen Studienakademie Leipzig, einer Einrichtung der Berufsakademie Sachsen (BA). „An der Uni war mir der Theorieteil viel zu hoch. Ich wollte in die Praxis und etwas Handfestes machen“, begründet Krause den Wechsel in der Rückschau. „Das Betreuungsverhältnis ist viel besser als an der Uni. Dort hatte ich Seminare mit 50 Kommilitonen, an der BA lerne ich mit 25 anderen Studenten in einem Seminar, da ist auch die Atmosphäre viel familiärer“, berichtet Schmidel.
„Wirtschaft trifft Wissenschaft“ – auf diesen kurzen Nenner bringt die BA selbst ihren Ansatz. Konkret sieht das Konzept vor, dass die Studenten – anders als an mancher Fachhochschule – während ihrer Ausbildungszeit bei einem einzigen Arbeitgeber beschäftigt sind, zu dem sie während des sechssemestrigen Bachelors immer wieder zurückkehren. Theorieblöcke an der Akademie und Praxisarbeit in den Unternehmen wechseln im dreimonatigen Rhythmus.
Die Bedingungen sind allerdings nichts für Freigeister, die Wert darauf legen, Lerninhalte selbst zu bestimmen. „Alles ist klar getaktet, die Studenten kriegen ihren Stundenplan weitgehend vorgegeben“, erklärt Susanne Schulze, Sprecherin der BA in Leipzig. Mancher Student empfindet jedoch gerade dieses enge Korsett als Befreiung. „Ein reguläres Studium regt zum Faulenzen an. Die straffe Organisation hat mir persönlich den Arschtritt gegeben, den ich brauchte und ich denke, das geht nicht nur mir so“, sagt Informatiker Krause.
Arbeitgeber von Krause und Schmiedel ist das Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), einer von mehreren hundert Praxispartnern der BA Sachsen. Dass die Auszubildenden jeweils lediglich drei Monate am Stück im Unternehmen arbeiten, sehen die Verantwortlichen nicht als Problem: „Wir setzen die Studenten sehr projektbezogen ein. Der Ablauf steht ja schon im Vorhinein fest“, erklärt Katja Corente, Ausbildungsverantwortliche am UFZ. In dem Wissenschaftsbetrieb sieht man vielmehr den Vorteil, sich seine zukünftigen Mitarbeiter bereits während der akademischen Ausbildung nach eigenen Anforderungen zu formen. „Unsere BA-Studenten sind nach ihrem Abschluss schon voll eingearbeitet und lassen sich so viel schneller integrieren als viele Absolventen, die zu uns kommen“, sagt Thomas Wieser, Vorgesetzter von Informatiker Krause.
94 Prozent der BA-Studenten finden nach dem Studium sofort eine Weiterbeschäftigung, auch weil viele Unternehmen ihre Azubis übernehmen. Derzeit zählt die BA in Leipzig in ihren sieben Studiengängen 580 Studenten. Der Schwerpunkt liegt auf Berufen aus dem Bankenwesen und bei der Informatik. Größtes Fach ist die Immobilienwirtschaft.
Studiengebühren zahlen die Studenten übrigens nicht. Lediglich ein Semesterbeitrag in Höhe von etwa 85 Euro wird fällig. Daneben erhalten die angehenden Akademiker von ihren Unternehmen Ausbildungsvergütungen, die je nach Branche stark variieren können, im Schnitt aber in Sachsen bei rund 500 Euro liegen.
Alexander Laboda

Stichwort: Staatliche Berufsakademien

Die Idee der staatlichen Berufsakademie stammt aus Baden-Württemberg. Dort setzten sich in den 1970er-Jahren vor allem mittelständische Unternehmen dafür ein, die praktische Ausbildung im Betrieb mit dem Hochschulstudium zu verbinden.
Den Weg nach Sachsen fand das ­Konzept mit der Wiedervereinigung. ­Baden-Württemberg setzte sich als ­Sachsens Partnerland für die Schaffung der Einrichtung ein. So entstanden ab 1991 Akademien an sieben Standorten: Leipzig, Dresden, Bautzen, Breitenbrunn, Glauchau, Plauen und Riesa. Die Einrichtungen brachten seitdem rund 20000 Absolventen hervor. 2011 ­feiert die Berufsakademie in Sachsen ihr 20-jähriges Bestehen.
Staatliche Studienakademien gibt es – außer in Sachsen und Baden-Württemberg – in Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern. In Hamburg, Hessen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und dem Saarland gibt es staatlich anerkannte Akademien in privater Trägerschaft.
Die Bezeichnung Berufsakademie ist rechtlich nicht geschützt. Daher findet sich deutschlandweit eine Reihe privater Bildungsstätten, die den Namen im Titel tragen, staatlich aber nicht anerkannt sind. loa

Quelle: Leipziger Volkszeitung vom 22./23.2011


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